Positive Effekte bei einzelnen Wirkstoffen
Besonders für das Antidepressivum Vortioxetin zeigen vier Studien vielversprechende Ergebnisse: Verbesserungen wurden unter anderem bei kognitiven Einschränkungen, Depressionen, funktionellen Beeinträchtigungen und der allgemeinen Lebensqualität festgestellt. Auch das Antidepressivum Agomelatin führte bei Patient:innen mit ME/CFS zu spürbarer Entlastung, insbesondere bei Fatigue.
Betablocker erzielten in mehreren Untersuchungen positive Effekte auf Dyspnoe, orthostatische Beschwerden, depressive Symptome sowie verschiedene hämodynamische und leistungsphysiologische Parameter. Ivabradin verbesserte in zwei Studien signifikant die Herzfrequenz sowie die Symptomlast und Lebensqualität bei POTS-Betroffenen. Midodrin zeigte ebenfalls Wirksamkeit bei orthostatischen Symptomen, allerdings nur bei neuropathischem POTS – beim hyperadrenergen Subtyp blieb der Effekt aus.
Eine Studie zu niedrig dosiertem Naltrexon beschreibt deutliche Verbesserungen bei Long-COVID-Symptomen; weitere Untersuchungen geringerer Evidenzqualität unterstützen diese Ergebnisse. Pyridostigmin führte zu positiven Effekten auf pulmonale und hämodynamische Parameter.
Wirkstoffe ohne ausreichende Evidenz
Für Statine, Aripiprazol und Metformin wurden innerhalb des gewählten Suchrahmens keine relevanten Studien zur Behandlung von Long COVID identifiziert. Allerdings deuten Studien, in denen Metformin bei akuter COVID-19-Infektion zur Prävention schwerer Verläufe eingesetzt wurde, darauf hin, dass Metformin möglicherweise mit einem reduzierten Risiko für die Entwicklung von Long COVID asoziiert ist.
Erste Arbeitsgrundlage, Forschungsbedarf bleibt groß
Trotz erster vielversprechender Ergebnisse bleibt die Evidenzlage für Off-Label-Therapien bei Long COVID insgesamt begrenzt. Viele der identifizierten Studien weisen kleine Fallzahlen, und eine Vielzahl an Messkriterien zur Bewertung der Behandlungserfolge auf. Weitere qualitativ hochwertige Studien sind somit unerlässlich.
Dennoch liefern die Rechercheergebnisse Hinweise auf mögliche therapeutische Ansatzpunkte – sowohl in objektiven Messwerten als auch in subjektiv erlebten Verbesserungen. Sie dienen der Expertengruppe in erster Linie als Grundlage, um wissenschaftlich fundiert zu beurteilen, welche Medikamente gemäß § 35c Abs. 1 SGB V für eine Off-Label-Behandlung infrage kommen, ärztliche Verordnungen zu unterstützen und mögliche Erstattungen durch gesetzliche Krankenversicherungen vorzubereiten.